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Wien als Slow-City?

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Wird man den ersten Wiener Bezirk schon bald als All Inclusive Resort inklusive Hotel Hopping und 5-Sterne Touristenbespaßung erleben? Oder fährt man in Zukunft nur mehr im Slow-City Modus mit Tempo 30 durch unsere Landeshauptstadt?

Soll Didi Mateschitz Herrschaft über die Architektur übernehmen und sie zum Welterfolg führen?

Warum ist der Stephansdom mehr als nur ein warmer Raum zum Beten?

Und was müssen nun Architekten und Touristiker tun, um unseren Gästen Salzburger Nockerln anstatt McDonalds-Einheitsbrei zu servieren?

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Diese und weitere Themen, unter anderem auch welchen Vorteil Jakob Dunkl und Gerd Erhartt durch den Einsatz von qualitativer Architektur im Tourismus sehen, erschlossen sich während des ersten offiziellen platoumarket-Blog-Interviews mit den kreativen Köpfen des Architekturbüros Querkraft Architekten in Wien.

 

„Ganz Wien wird schon als Hotel verkauft, der ganze erste Bezirk ist nur noch Hotel, das kann man schon bald als richtigen Cluburlaub verkaufen“,

so Iris Meder. Ein interessanter Einstieg in ein noch interessanteres Gespräch, geführt von Platou-Initiatorin Bibiane Hromas und Architekturpublizistin Iris Meder mit Jakob Dunkl und Gerd Erhartt, ihrerseits Hausherren des Architekturbüros Querkraft Architekten (gemeinsam mit Peter Sapp, www.querkraft.at).

Dass die Baubranche zurzeit einen gewissen Hotelboom durchlebt und vor allem im 5-Sterne Segment kräftig in Um- und Neubauten investiert wird, ist in der Wiener Innenstadt nicht zu übersehen. Dabei wäre vor allem im Low-Budget Segment noch Bedarf an weiteren Angeboten vorhanden. Was zählt ist jedoch nicht nur der Preis sowie das äußere Erscheinungsbild, sondern vor allem auch die Einbindung in die bereits vorhandene Umgebung.

„Wir haben da gerade ein Gedankenexperiment, das gut in das Thema Wien und Tourismus passt, wir träumen davon was wäre, wenn Wien als Slow-City gestaltet würde“,

so Jakob Dunkl. Nach dem Verständnis der querdenkenden Architekten wäre hier die radikale Verlangsamung des Verkehrs ein wesentlicher Ansatzpunkt, zur Lebensqualität beizutragen. Von Tempo 30 innerhalb der Ortstafeln und damit einhergehender Lärmverminderung, Verringerung des Platzverbrauchs der Autos und mehr Platz für Begrünung ist hier die Rede.

„Wien eignet sich dafür, wir sind nicht wie Mumbai, Tokyo oder New York. Wir sind etwas anderes, wir haben die Tradition der Langsamkeit und Gemütlichkeit, das könnte man extrem zum Thema machen“,

erläutert der Architekt. Das Ganze könnte dann schon in Richtung „shared space“ gehen – dieser Begriff wurde in den 1990er Jahren in den Niederlanden geprägt – was im Klartext heißen würde: Keine Verkehrsschilder, keine Ampeln, keine Gehsteigkanten, freiwillige Vorsicht und im Endeffekt weniger Unfälle. Und vor allem weniger Lärm, der in vielen Bezirken ein Hauptproblem darstellt.

Wie auch immer, wenn die Querkraftler philosophieren und konzeptionieren, dann machen sie das auch gleich richtig. Innovativ, unkonventionell und überraschend, aber auch gewissenhaft und wirtschaftlich – querdenkend eben. Dass sich das Wort „radikal“ dann schon einmal des Öfteren im Wortschatz Jakob Dunkls wiederfindet, scheint nicht weiter verwunderlich.

Von Platoumarket erwarten sie sich idealerweise direkte Aufträge, da die Teilnahme an Wettbewerben schon einmal relativ undankbar sein kann, und sei es auch nur in der Form, dass es einfach schade ist, wenn man ein aufwendig konzipiertes Objekt im Endeffekt dann doch nie bauen wird.

„Ich wäre schon froh, wenn so eine Plattform dazu führt, dass die gesamte Szene gestärkt wird, denn das hilft jedem einzelnen Büro. Sprich, wenn Platoumarket dafür sorgt, dass man darauf kommt, dass Architektur nicht nur abstrakt subjektive Schönheit, sondern auch wirksam ist, wie eine Behandlung oder ein Medikament, also besser umsetzbar und nutzbar, dann habt ihr für mich ein Ziel schon erreicht“,

sagt Dunkl,

„provokant formuliert, die Architektur bräuchte einen Dietrich Mateschitz als Leader, denn wenn es jemand schafft ein nach Gummibärchen schmeckendes Gesöff zum Welterfolg zu bringen, dann müsste es doch gelingen, dass auch jemand die Architektur zum Welterfolg macht und den Markt stärkt.“

Bis zu 90% unseres Lebens verbringen wir in Gebäuden, unverständlich eigentlich ist die Unmöglichkeit, das von allen gebrauchte Produkt, die Architektur, so zu vermarkten, dass sich eine wirklich große Nachfrage dafür ergibt.

Erfahrungen in der Tourismusbranche bringen die Querkraft Architekten durch Studien zu Hotelprojekten und Planung von Gastronomieobjekten und Kultureinrichtungen mit, allen voran das vieldiskutierte Museum Liaunig in Neuhaus, Kärnten, von dem sogar

„einer in der Jury gesagt hat, ‚das könnt ihr nicht bauen um das Geld‘, wir haben es dann sogar um ein paar Euro unterschritten“,

erläutern die Beiden. Weitere Projekte sind das Römermuseum in Wien, das Cafe Weinwurm am Stephansplatz und diverse Ausstellungsgestaltungen.

Das Bewusstsein für die Wichtigkeit von Architektur und guter Zusammenarbeit mit Bauherren und allen Beteiligten vor allem im Tourismus, aber auch generell, sei noch wenig ausgebildet.

„Oft denke ich, ah toll, einmal in der Woche im Morgenjournal eine kurze Architekturmeldung, in Wahrheit ist es so, man hat täglich 5 Seiten Sport, und selbst Theaterkritiken oder Opern liest man öfter und mehr Leute kennen Netrebko als Hollein“,

kritisiert Jakob Dunkl.

Großes Argument der Auftraggeber ist, dass Architekten wirtschaftlich nicht ernst zu nehmen sind und Preise nicht halten können. Dabei rühren die Probleme oftmals daher, dass Angebote zu knapp kalkuliert sind und gedrückt werden, und sich die dadurch entstehenden unvermeidlichen Zusatzaufwände danach eben als Mehrkosten auf das Budget schlagen.

„Man muss sich von Anfang an gleich der Kostenwahrheit stellen.“

Auf die Frage, was Architektur denn dem Tourismus bringen kann, sehen die beiden Architekten ganz klar:

„Architektur ist nicht nur zweckdienlich für den Zweck Tourismus. Unser Land ist ein gutes Beispiel dafür, dass Leute wegen der Architektur zu uns kommen, die vor 200 Jahren errichtet wurde. Das ist ein unglaubliches Kulturgut! Wenn wir es mit qualitativer Architektur schaffen, dass die Leute in 200 Jahren kommen, weil sie die Sachen gut finden, die heute entstehen, ist das auch ein Kulturgut, und das müssen wir uns eben leisten. Für die Bauten, die heute Kulturgüter sind, Kirchen und Schlösser, war mehr Geld da, siehe Stephansdom: wenn man einen warmen Raum zum Beten braucht, könnte man den auch billiger bauen, aber das war schon damals als Monument geplant“.

Wie gesagt, man müsste sich möglicher Kulturgüter bewusst sein und dürfe nicht immer am notwendigsten Level herumkriechen.

„Architektur ist ein entscheidender Faktor für Lebensqualität, wir vergeben uns unglaublich viel wenn wir das nicht sehen“,

betont Gerd Erhartt.

Mit welchen Kompetenzen die beiden Herren durch ihre Arbeit insbesondere dem Tourismus mehr Bauqualität bringen können:

„Ein zentrales Thema ist das Erreichen von Lebensqualität. Wir gehen vorrangig auf die Bedürfnisse des Nutzers ein und versuchen, für ihn eine optimale Plattform zu entwickeln. Die optimale Lebensqualität herauszuholen ist des Schaffens innerspezifische Aufgabe, das zentrale Thema! Im Hotelbau kann das so eine enorme Bandbreite entwickeln, dass das eine sehr lustvolle Aufgabe ist.

Wir versuchen überall Zugänge zu finden, die eine andere Herangehensweise an Themen darstellen, oft auch spielerisch. Die Themen wären grenzenlos, und oft nicht mit großem Aufwand, sondern nur mit Bewusstsein und Intelligenz zu ermöglichen. Wir spüren Dinge auf, die sowieso überall vorhanden sind, und stellen sie in neue Kontexte. Wir sehen Architektur viel weiter, als nur einen bestimmten Ablauf abzuarbeiten, was der Architekt wirklich leisten kann für einen Auftraggeber, ist im direkten Dialog ein Programm zu entwickeln und durch Einbeziehung von externen Fachbereichen einen ganz spezifischen Plan maßzuschneidern. Wichtig für die Angebotsentwicklung ist, dass bereits hier die Kreativität mit einfließt und die Auftraggeber mit unkonventionellen Angeboten unterstützt werden.“

Wie wichtig unkonventionelles Denken und Individualität in der Arbeit der Querkraft Architekten ist, zeigt auch das abschließende Statement der Beiden:

„Was uns besonders interessiert ist das Spezifische, das Individuelle herauszuholen, den Gegenpol zu McDonalds oder Hilton, eben Salzburger Nockerln oder Kärntner Kasnudeln, das, warum die Leute dort hinfahren, die Qualitätstouristen suchen schon das Besondere. Es gibt immer Entwicklungen und Gegenentwicklungen und bei der Globalisierung wird eine Spezifizierung und Lokalisierung immer wichtiger. Die Architektur ist ein tolles Instrument, diese regionalen Spezifika umzusetzen und einzubauen.“

Bibiane Hromas

Bibiane Hromas // 18. September 2009

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